Das Mädchen mit den tausend Namen

Ein BDSM-Fortsetzungsroman

Inhalt:

Seit nunmehr einem Jahr dient May einem dominanten Mann, der sie besitzen möchte – ohne Einschränkungen. Der erste Schritt dorthin war die Übergabe ihres Bankkontos. Der letzte wird die Tätowierung an ihrem 25. Geburtstag sein, die sie endgültig zu seiner Sklavin machen soll.
Am Vorabend wird May einem letzten Test unterzogen. Als sie am Kreuz steht und einmal mehr Tränen in sich aufsteigen spürt, ist er ihre letzte Hoffnung. Doch statt ihr den ersehnten, wertschätzenden Namen endlich zu verraten, den er für sie ausgesucht hatte und der ihr doch sicher zeigen würde, dass all der Schmerz, all die Tränen sich nun gelohnt hätten, kommt alles ganz anders.
Stunden später findet May sich wie so oft auf ihrer Parkbank wieder. Noch mehr als sonst braucht sie heute die Stille und doch wird sie gerade an diesem Abend von der unheimlichen Frau mit dem langen, schwarzen Mantel angesprochen, die sie öfter hier sieht.
Und dann ist da noch dieser Mann, der May aus dem Schutz der Dunkelheit beobachtet und vor dem sie trotz allem keine Angst verspürt. Im Gegenteil… 

Doch gerade als May den Tiefpunkt erreicht, ihre eigene Existenz kaum mehr aushält, stellt die Frau in Schwarz sich ihr vor: Sie nennt sich Raven – und sie macht May ein Angebot, das ihr Leben für immer verändert. 

Leseprobe:

(mehr Infos am Ende der Leseprobe)

 



Prolog

All the world’s a stage,
And all the men and women merely players.
They have their exits and their entrances,
And one man in his time plays many parts”

William Shakespeare (1564 – 1616)

„Ich habe mich entschieden.“

Das dunkle Timbre seiner Stimme überzog Mays Körper mit einer Gänsehaut – ein Gefühl, das sie bereits kannte. Was sie nicht kannte, war das plötzliche Erstarren ihres Körpers, als sie die Worte hörte, auf die sie so lange gewartet hatte.

Er hatte sich entschieden.

Seit Wochen hatte May diesen Satz nun gleichermaßen herbeigesehnt wie gefürchtet. Ob jetzt, da der Augenblick endlich da war, Erleichterung oder Angst überwog, wusste sie selbst nicht.

Langsam blickte sie auf in der Hoffnung, seine Körpersprache deuten zu können. Einen Hinweis darauf zu erhaschen, wie seine Entscheidung aussah. Natürlich war ihr nur allzu bewusst, dass nur er sie erlösen konnte. Erst, wenn er es in Worten artikulierte, würde ihre Spannung endlich nachlassen. Würde sie wissen, ob Erleichterung oder Angst überwog. Würde sie durchatmen können. Würde sie…

„Habe ich dir erlaubt, den Blick zu heben?“

May schloss die Augen, senkte den Kopf ergeben und ärgerte sich. Hasste sich sogar für einen kurzen, impulsiven Augenblick. Nie konnte sie sich beherrschen. Er hatte doch gesagt, sie solle ihren Blick gesenkt lassen. Weshalb war sie nur immer so unbeherrscht? Kein Wunder verlor er regelmäßig die Geduld mit ihr.

„Warum bist du nur so?“, fragte er sie und seufzte dann tief, resigniert beinahe.
Tränen stiegen in Mays Augen auf. Sie versuchte es wirklich, aber manchmal verlangte er einfach so viel. Manchmal schaffte sie es einfach nicht, auf alles zu achten. Manchmal hatte sie ihre Impulse einfach nicht unter Kontrolle. Wie um alles in der Welt würde sie ihm je gerecht werden? Irgendwann würde er einer anderen begegnen, die all das viel besser…
WUMM.
Es war ein dumpfer, kein beißender Schmerz, als seine Schuhsohle sie hart in die Seite traf. Mays Augen öffneten sich erst wieder, als ihre krampfende Brust nachgab und sie wieder atmen konnte.

„Weißt du, wie viele Gedanken ich mir gemacht habe?“, hörte sie die Mischung aus Wut und Resignation in seiner Stimme, „weißt du, wie viel Zeit ich mir genommen habe? Wie viel Mühe ich mir mache? Kannst du nicht ein einziges Mal tun, was ich dir sage und mir einfach vertrauen?“
May kauerte auf dem Boden, ihren Körper zu einem möglichst kleinen Bündel zusammengepresst und den Blick auf ihre flachen, auf dem Boden vor sich liegenden Hände gerichtet. Sie spürte mehr, als dass sie sah, wie er sich langsam erhob. Im nächsten Moment fühlte sie den unnachgiebigen Griff seiner Hand in ihrem Nacken, der sie in die Senkrechte zog. Ihre Füße zitterten ein wenig, aber sie tat ihr Bestes. Als sie aufrecht stand, ließ er sie los und drehte sie an den Schultern zu sich. Jetzt, da sie aufrecht vor ihm stand, fühlte sie ihre Nacktheit noch deutlicher. Die Blöße ihrer Haut, seinen Blick auf sich ruhend, während sie selbst zu Boden starrte.

„Warum kannst du mir nicht vertrauen?“, fragte er nochmal, diesmal aber mit einer so warmen Sanftheit, einer Geborgenheit, die May erneut mit einem Kloß im Hals kämpfen ließ. Als eine einzelne Träne ihre Wange hinablief, spürte sie seine Hand an ihrem Kinn, die ihr Gesicht sanft, aber bestimmt anhob. Sie schloss die Augen, ergeben.

„Schau mich an.“

Zögernd kam sie seiner Aufforderung nach.

Vier Stunden blieben ihr noch. Vier volle Stunden noch, bevor sie 25 Jahre alt wurde. Ein geeigneter Tag, um es offiziell zu machen, wie er ihr damals gesagt hatte. Oh Gott, sie wollte es so sehr. Hier stand sie, sah ihn an, während ihre Brust sich noch immer unregelmäßig hob und senkte und sie bei jedem Atemzug am liebsten gewimmert hätte. Erst heute Morgen hatte sie sich noch im Spiegel betrachtet. Hatte die dunkelblauen Schatten an ihrer Seite berührt, als könne sie ihren eigenen Körper mit einem sanften Streicheln trösten. Er hatte ein Händchen dafür, die noch frischen, schmerzenden Stellen zu treffen. Aber sie war ja selbst schuld. Er zwang sie ja nicht dazu, sich ungeschickt anzustellen. Im Gegenteil – so viel hatte er ihr gegeben. So aufmerksam kümmerte er sich um sie. So viel Verantwortung trug er und doch beschwerte er sich nie. Das Mindeste, was sie tun konnte, war doch, mit aller Kraft zu versuchen, ihm gerecht zu werden. Sich dieses Gefühl zu verdienen. Genau dieses Gefühl, das sie jetzt gerade empfand. Jetzt, da er vor ihr stand, in seinem perfekten Hemd und der lässig anmutenden Jeans und sie ansah. Sie so annahm wie sie war – nackt, unzulänglich, fehlerhaft, jung und viel zu impulsiv. Dieses Gefühl, zu jemandem zu gehören.

Er hatte ihr im letzten Jahr eine Einsamkeit genommen, von der sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie ihr ständiger Begleiter war. Er war es gewesen, der sich ihrer angenommen und ihr eine Geborgenheit geschenkt hatte, die sie nie zuvor empfunden hatte. Liebe war kein Ausdruck mehr für das, was sie für diesen Mann empfand.

„Warum kannst du mir nicht endlich vertrauen, Kleines?“, fragte er und streichelte ihr über die Wange.

May schloss die Augen und seufzte.

„Ich wünsche mir so sehr, dass du begreifst, dass ich nur das Beste für dich will. Dass ich auf dich aufpassen werde und niemals zulassen würde, dass dir etwas geschieht. Glaubst du mir das?“

Sie nickte, sah ihn wieder an. Ja!, dachte sie, ja, ich glaube Ihnen. Und ich will es so sehr. Ich will Ihren Schutz verdienen. Ich versuche es wirklich

„Was denkst du, Kleines?“

May sah ihn an, zögernd, fragend.

„Du darfst sprechen.“

Wie auf Knopfdruck stiegen erneut Tränen in ihr auf, ihre Sicht verschwamm und sie musste an sich halten, um nicht in Schluchzen auszubrechen. Sie durfte sprechen. Obwohl sie erst morgen hätte sprechen dürfen. Sie hatte so lange nicht mehr gespr…

WUMM.

Die Ohrfeige brachte sie aus dem Gleichgewicht, doch er packte sie rechtzeitig am Arm und zog sie wieder zu sich.

„Willst du, dass ich es mir anders überlege?“, donnerte er dann, während er seine freie Hand wie einen Schraubstock um ihr Kinn presste, sodass sie keine Wahl hatte, als ihn anzusehen.

„Hmmm“, wimmerte sie in dem Versuch, ein Nein aus dem zusammengepressten, schmerzenden Kiefer zu zwingen. Er ließ sie los, sie senkte den Blick, spürte heißen Tränen auf ihrer Wange.

Schon wieder. Es war schon wieder geschehen. Schon wieder hatte sie sich nicht im Griff, wie so häufig. Und das, wo sie doch wusste, wie sehr es ihn anwiderte, wenn sie so emotional war. Oh, sie hasste sich so sehr dafür…

„Kleines“, sagte er, nun wieder ruhiger, „ich stelle dir nun ein letztes Mal die Fragen, für deren Antwort du so lange geschwiegen hast.“

May nickte. Sie wusste genau, was nun kommen würde, denn in den letzten Wochen hatte sie in jedem wachen Moment über nichts anderes nachgedacht als über die fünf Fragen, die er ihr nun – erneut und ein letztes Mal – stellen würde.

  1. Bist du bereit, meine Sklavin zu sein und mir dein Leben anzuvertrauen?
  2. Bist du bereit, alles ohne Widerrede zu tun, was ich dir befehle – auch, wenn es unangenehm ist, du Angst davor hast oder du es nicht verstehst?
  3. Bist du bereit, mir die vollständige Kontrolle über dich zu geben – über deinen Besitz, deinen Körper und deinen Geist?
  4. Bist du bereit, mit Stolz mein Zeichen zu tragen?
  5. Und bist du bereit, im Gegenzug für all das, meine uneingeschränkte Liebe, Fürsorge, Zuneigung und meinen Schutz anzunehmen, mir uneingeschränkt darin zu vertrauen, dass alles, was ich tue, nur zu deinem Wohl ist?

Sie nickte erneut, nachdrücklich.

„Gut, dann stelle ich dir die Fragen und du wirst mir antworten. Und dann, wenn ich deine Antwort habe, werde ich dir meine Entscheidung mitteilen.“

May wartete gespannt.

„Aber erst“, unterbrach er dann, „stellst du dich ans Kreuz.“

Ein Keuchen entfuhr ihr. Was hatte sie getan? Weshalb…?

„Ich möchte dich einem letzten Test unterziehen. Ich möchte sicher gehen, dass du wirklich versuchst, mir zu vertrauen. Dass du wirklich daran glaubst, dass ich nur an dein Wohl denke. Kleines, ich will, dass du endlich aufhörst, dich gegen mich zu wehren“, fügte er sanft hinzu und streichelte erneut ihre Wange.

Einmal mehr an diesem Abend senkte May den Blick, kämpfte gegen den aufsteigenden Kloß in ihrem Hals, die Luft abschnürende Enge in ihrer Kehle. Langsam, beinahe in Zeitlupe drehte sie sich um, starrte auf das breite schwarze Kreuz an der Wand des Schlafzimmers, an dem sie schon so viele Stunden verbracht hatte. Ihr Geist war leer. Schritt für Schritt trat sie mit dem Gesicht an das Holz, hob ihre Hände, legte sie in die eigens hierfür vorgesehenen Griffe und wartete geduldig, bis er die Fesseln angebracht hatte.

„Weißt du“, flüsterte er leise an ihrem Ohr, „ich hab’s mir doch anders überlegt.“

May schloss resigniert die Augen.

„Ich werde dir meine Entscheidung gleich mitteilen. Und erst danach folgt der Rest. Ich habe mir so viele Gedanken gemacht – jetzt will ich endlich deine Reaktion sehen, wenn du hörst, was ich mir überlegt habe.“

Wie von selbst stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Ihr Körper zitterte unkontrolliert vor Anspannung, doch sie konnte nicht anders als zu lächeln. Ja, dachte sie. Er meinte es gut mir ihr. Er wollte ihr eine Freude machen. Er würde ihr nun endlich ihren Namen verraten.

„Was meinst du dazu?“

Den Namen, den sie von nun an als seine Sklavin tragen würde.

„Ab morgen…“

Den Namen, der sie ab morgen als die Seine kennzeichnen würde und den er sicherlich sorgfältig gewählt hatte. Der ein Zeichen seiner Zuneigung sein würde, ein Symbol seiner Wertschätzung.

„…heißt du…“

Den Namen, den sie sich morgen, an ihrem Geburtstag, auf die Haut stechen lassen würde, um der Welt zu zeigen, wie viel sie ihm bedeutete.

„…Nummer 17“.

Den Namen, der ihr plötzlich den Boden unter den Füßen entriss.

Glen warf einen Blick auf die Uhr.

Es war bald soweit. Nicht einmal mehr dreißig Minuten bis Mitternacht. Er beobachtete sie, seit sie sich auf die Parkbank gesetzt hatte, streng darauf bedacht, dass sie ihn nicht wahrnahm – so wie immer. Der breite Baum, hinter dem er sich versteckt hielt, bot ihm Schutz und ließ ihn doch so nah an sie herankommen, dass er in der Stille des Parks ihren keuchenden Atem hörten konnte. Und ihr Atem, obwohl er mehr einem ungesunden Röcheln ähnelte, war noch leise gewesen im Vergleich zu dem Schmerzlaut, den sie beim Hinsetzen von sich gegeben hatte. Glen kannte diesen Laut eigentlich und doch war heute irgendetwas anders. Ihr Gang war gebrochen, gequält. Für das Setzen hatte sie sich ungewöhnlich viel Zeit gelassen, ihre Haltung war gebeugt. Und wenn ihre Schmerzlaute für gewöhnlich zwar mitleiderregend waren, so ließen sie doch stets eine gewisse Kraft vermuten. Heute hingegen klang sie vielmehr wie ein resigniertes, verzweifeltes, sterbendes Tier. Ein waidwundes Reh, das im Wald zum Sterben zurückgelassen wurde, weil es die Kugel für den Gnadenstoß nicht wert war. Was zur Hölle hatte er nur mit ihr angestellt?

Glen ballte seine Hände zu Fäusten, während er sie betrachtete. Ihren nackten, schlanken Hals, dem er bei der Kälte am liebsten einen Schal umgelegt hätte. Die gebeugte, beinah gebrochene Senkung ihres Haupts, die ihr die dunklen Haare ins Gesicht fallen ließ. Die Ansätze ihres filigranen Profils, das er noch nie im Licht sehen durfte und das ihn doch so faszinierte. Verdammt, er musste sich beherrschen. Sie anzustarren und sich zu überlegen, wie sie wohl von Nahem aussehen würde, war nicht der Grund, weshalb er hier war. Es ist nur die Illusion, die dich fasziniert, Glen, also reiß dich zusammen, dachte er bei sich.

„Du musst das nicht tun“, hörte er plötzlich eine Stimme, die ihn aus seinen Gedanken riss.

Er sah, wie May den Kopf hob und ebenso erschrocken in dieselbe Richtung blickte wie auch Glen. Genau wie er schien sie nicht mit Gesellschaft gerechnet zu haben.

Nur wenige Meter entfernt stand eine schlanke, hohe Gestalt, eindeutig weiblich. Sie trug einen schwarzen Mantel und war in einen dicken Schal gehüllt, sodass er in der Dunkelheit nicht mehr als ihre Silhouette erkennen konnte. Vorsichtig beugte er sich ein wenig nach vorn, um mehr erkennen zu können, ohne zugleich selbst gesehen zu werden. Er musste vorsichtig sein.

„Wer sind Sie?“, fragte May mit heiserer Stimme. Sie hatte Angst, das hörte er.

„Du musst das nicht tun“, wiederholte die Gestalt und verringerte den Abstand zu der Parkbank, auf der May saß.

Glen zögerte. Sollte er einschreiten? Andererseits… sie schien nicht gerade einen gewaltbereiten Eindruck zu erwecken und Glen durfte auf keinen Fall auffliegen. Er entschied sich, abzuwarten und zuzuhören.

„Wie heißt du?“, fragte die Frau in Schwarz und setzte sich wie selbstverständlich neben May, die instinktiv die Entfernung vergrößerte.

„Wer sind Sie und was wollen…“, setzte sie an, doch ihre Stimme brach ab und endete in einem hilflosen Husten. Sie klang, als hätte sie sich heiser geschrien.

„Ich weiß, in welchen Abständen und an welchen Abenden du hier bist. Ich sehe deine Körperhaltung, ich höre deine Stimme. Heute ist es schlimmer als sonst und wenn ich deinen gebrochenen Gang heute nicht gesehen hätte, hätte ich noch abgewartet.“

„Abgewartet?“, flüsterte May.

Glen beugte sich nach vorn, um besser hören zu können. Er hatte Glück – es war eisig kalt und windstill. Keine anderen Menschen in Sicht- oder Hörweite und nicht einmal Blätterrascheln, das die Stimmen der beiden Frauen übertönt hätte.

„Dich anzusprechen. Ich hätte damit noch gewartet, ja“, fuhr die Ältere fort. Glen schätzte sie anhand ihrer Stimme auf Ende dreißig, vielleicht vierzig, aber er war sich nicht sicher. „Aber heute bist du… anders. Ich schätze, heute war er noch härter als sonst.“

Glen sah Mays Körper eine undefinierbare Bewegung ausführen. Als wolle sie aufstehen, aber ohne es wirklich zu schaffen. Als wolle sie sich… wehren. Stattdessen wand sie sich kraftlos.

„Was…?“

„Sprich nicht so viel, du bist heiser. Schone deine Stimme. Ich möchte, dass du mir nur zuhörst, in Ordnung?“

May rührte sich nicht und gab keinen Laut von sich. Ach, könnte Glen doch wenigstens ihren Gesichtsausdruck erkennen. Sehen, ob sie Angst hatte oder irritiert war. Oder ob sie die Dame vielleicht irgendwoher kannte, oder… seine Gedanken wurden unterbrochen:

„Du musst das nicht tun“, wiederholte die Frau, diesmal mit Nachdruck, „du brauchst ihn nicht. Hörst du? Es muss sich nicht so anfühlen.“

May schüttelte den Kopf. Erst nur ansatzweise, dann energischer, während die Frau fortfuhr:

„Das hier kann sich auch… gut anfühlen. Der Schmerz kann sich gut anfühlen. Du brauchst ihn nicht. Du musst niemandem gehören, verstehst du?“

Ihr Kopfschütteln wurde manisch, bis sie schließlich innehielt und im nächsten Augenblick stattdessen begann, mit dem Oberkörper nach vorn und wieder zurück zu wippen. Glens Haut wurde bei dem Anblick von einer Gänsehaut überzogen.

„Wie heißt du?“

May erstarrte. Ihr Kopf drehte sich zu der Frau, die Blicke der beiden begegneten sich. Wie sehr Glen sich in diesem Moment wünschte, ihr Gesicht sehen zu können.

„Ich weiß es nicht“, glaubte er sie zu hören. Ihre Stimme war noch dünner als zuvor.

„Dann, Liebes, solltest du das dringend herausfinden.“

„Wie?“

„Ausprobieren.“

„Ausprobieren?“, hakte May wieder nach.

„Ja“, hörte Glen die feste Stimme der Älteren. Im Gegensatz zu ihr klang Mays Stimme beinahe wie die eines Fabelwesens. Eines Schattens. Wie ein Echo – der Nachklang von etwas, das einmal real war und nun nicht länger existierte.

„Du suchst dir einen Namen aus. Einen Namen – und mit ihm ein Leben, eine Persönlichkeit. Und dann versuchst du, ihn zu tragen“, sagte sie, „als würdest du ein Kleidungsstück anprobieren. Du trägst es, fühlst es. Findest heraus, ob es passt oder nicht. Ob es bequem ist oder etwas zu weit. Ob der Kragen dir die Luft zum Atmen abschnürt. Ob der Stoff deine wunderschöne Figur betont. Ob die Farbe dich blass erscheinen lässt oder ob andere sich nach dir umdrehen. Sei experimentierfreudig und versuch dich an Dingen, die du nie für möglich gehalten hättest. Dinge, die dir Angst machen, die dich einschüchtern. Teste einen Namen, der dir so gut steht, dass du dich abends vor dem Spiegel bewunderst. Einen Namen, der dich stolz macht oder dich zumindest weiterbringt. Aber das Wichtigste dabei ist…“, fügte sie bedeutungsschwanger hinzu und Glen merkte, wie er sich gespannt nach vorn beugte, um auch ja kein Wort zu überhören, „trage niemals einen Namen…, den du nicht mehr ausziehen kannst, falls er dir nicht passt.“

Einem Impuls nachgebend schlug Glen die flache Hand vor seinen Mund, um ein Keuchen zu unterdrücken. Wusste sie etwa, dass…? Nein, das war unmöglich. Wer zur Hölle war diese Frau, weshalb kam sie ausgerechnet heute hierher und was wollte sie von May? Fragen über Fragen überwarfen sich in Glens Geist, der erst wieder klar denken konnte, als er sah, wie die Dame sich erhob und May etwas zusteckte, das aussah wie eine Visitenkarte. Zum zweiten Mal an diesem Abend ballte er die Hände zu Fäusten, um nicht vor unterdrücktem Ärger laut zu fluchen. Wenn er doch nur…

„Komm dorthin und sag an der Tür, du möchtest mit Raven sprechen.“

Glen erstarrte. Ihm war, als hätte er diesen Namen schon einmal gehört…

„Raven?“, fragte May, „wer ist das?“

„Das bin ich.“

Glen beobachtete die beiden Frauen, die sich nun schweigend ansahen.

Raven, die aufrecht in der Kälte stand, so souverän, als wäre der Park ihr eigener Vorgarten. Und May, die noch immer gekrümmt und zusammengekauert auf der Bank saß und ihren Blick auf die Karte gerichtet hielt. Nach einer kleinen Ewigkeit holte sie Luft:

„Ist das… ich meine…“, stotterte sie, „…gegen Geld?“

Was?, dachte Glen. Moment mal, was?! Was soll gegen Geld sein? Oh, wie sehr er es hasste, sich nicht einmischen zu können.

„Wenn du willst, ja. Wenn nicht, dann nicht. Aber… es wäre deine Entscheidung. Nur deine. Du würdest nur dir selbst gehören. Du würdest tun, was du tun willst. Sehen, wen du sehen willst. Erleben, was auch immer du ausprobieren möchtest. Und du dürftest dir jeden Monat, jede Woche, jeden Tag einen neuen Namen aussuchen. Ihn tragen, ihn testen, ihn leben…“, bei ihren letzten Worten verringerte Raven den Abstand zu May, die sofort zusammenzuckte und zurückwich, ihre Hände schützend vor ihr Gesicht hielt, während Raven sich auf die Lehne der Parkbank stützte und mit dem Gesicht nun direkt vor May ausharrte.

„Schau mich an“, sagte sie dann.

Als hätte sie mit diesen Worten einen Schalter umgelegt, ließ May die Hände in den Schoß sinken und… hob tatsachlich ihren Blick. Apathisch, beinahe leblos – Glen wand sich von der Szene ab und starrte auf den Baumstamm vor sich.

„Stell dir ein Leben vor, in dem sich all das, was du gerade erlebst… gut anfühlt. Und zwar nur gut – nichts anderes. Ein Leben, das du selbst kontrollierst. Mit einem Namen, den du selbst für dich gewählt hast.“

„Und ich könnte… mir selbst einen Namen aussuchen? Einfach so?“, flüsterte May. Er glaubte eine Mischung aus Faszination und Angst in ihren Worten zu erkennen.

Raven richtete sich wieder auf und entfernte sich einen Schritt, ohne May aus den Augen zu lassen.

„Einfach so“, sagte sie nur, machte kehrt und verschwand so unauffällig in der Dunkelheit, wie sie aufgetaucht war.

Minuten vergingen, während sein Blick auf Mays Profil lag. Als ihre Schulten zu zittern begannen, dachte Glen zuerst, es läge an der Kälte, bis er schließlich erkannte, dass sie weinte. Still, ohne ein Geräusch von sich zu geben.

Als er diese junge Frau zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er sie verachtet. Ja, verachtet war das richtige Wort, auch wenn er nicht stolz darauf war. Er hatte nicht mehr in ihr gesehen als einen getretenen Straßenköter, der sich weiter schlagen ließ, statt endlich zuzubeißen und sich zu wehren. Mit jedem Mal, das er sie seither beobachtete hatte, hatte sich sein Eindruck geändert. Natürlich sah er all das noch immer nüchtern. Er konnte die Augenblicke an einer Hand abzählen, in denen er das impulsive Bedürfnis verspürte, zu ihr zu gehen, sie zu trösten, sie anzusehen und ihr sanft die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Denn dafür war er nicht hier – im Gegenteil. Er musste sich auf seine Aufgabe konzentrieren und diese Aufgabe war heute noch komplexer, noch schwieriger geworden – und Glen hatte noch nie Schwierigkeiten gehabt, seine Impulse zu kontrollieren, Prioritäten zu setzen.

Und doch war heute etwas anders.

Heute schaffte Glen es nicht so schnell wie sonst, wieder in seiner rationalen, klaren Wahrnehmung anzukommen und sich nur auf das zu konzentrieren, was zählte. Stattdessen betrachtete er ihre zitternden Schultern, ihren noch immer unbedeckten, schlanken Hals, der mittlerweile eiskalt sein musste. Und einmal mehr war er fasziniert von ihrer Selbstbeherrschung. Wie gern er nur endlich mit ihr sprechen würde. Wie gern er sie fragen würde, ob sie… und dabei seine Hand heben, um ihre Wange zu…

Verdammt, reiß dich zusammen, schrie er sich in Gedanken an und ohne darüber nachzudenken traf seine Faust den Baumstamm. Etwas knackte, er streckte seine schmerzenden Finger und im selben Augenblick hörte er Mays erschrockenes Keuchen und sah auf. Sie hatte sich umgedreht und sah genau in seine Richtung. Doch statt sich gekonnt hinter dem breiten Stamm zu verstecken, erstarrte Glen. Blieb einfach nur stehen, so bewegungslos wie der Baum neben ihm, der ihm Schutz geboten hatte. Bis jetzt.

Schutz vor dem Entdecktwerden.

Schutz vor ihrem Blick.

Schutz vor diesem wunderschönen Paar Augen, das Glen nun fixierte und von dem er den Blick einfach nicht abwenden konnte.

„Wer ist da?“, hörte er ihre heisere, panische Stimme, die ihn zur Besinnung kommen ließ.

In einer geschmeidigen Bewegung zog er seine Kapuze tiefer ins Gesicht, drehte sich um und entfernte sich von ihr. Minuten später, als er einen sicheren Abstand gewonnen hatte, verlangsamte er seinen Schritt und warf einmal mehr an diesem Abend einen Blick auf seine Uhr.

Es war Mitternacht.




Das war der Prolog meines Fortsetzungsromans „Das Mädchen mit den tausend Namen“. Wer ein monatliches Kapitel und zusätzlich sporadisch exklusive andere Texte lesen möchte, darf sich nun hier als Patron eintragen. 

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